Sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit und Reizüberflutung im Alltag: eine Experience-Sampling-Methoden Studie

Sofie Weyn1,2*, Corina U. Greven3,4,5, Stefanie J. Schmidt1 & Céline R. Gillebert2
Nature Scientific Report 16:2015 / 2026
Für Rückfragen zu Methoden, Ergebnissen, Figuren, Diskussionspunkten und Literaturangaben verweisen wir auf die Originalpublikation in Nat Sci Rep in 2026:
https://doi.org/10.1038/s41598-025-31629-3
Abstract
Menschen nehmen ihre Umwelt unterschiedlich wahr und verarbeiten Reize, Informationen und Eindrücke verschieden stark. Diese Eigenschaft der Reizaufnahme und Reizweiterverarbeitung im Gehirn nennt man sensorische Verarbeitungssensitivität (SPS), die bei manchen Menschen schneller und intensiver vorhanden sein kann. Etwa 30 % der Menschen sind besonders sensitiv und reagieren deshalb sowohl auf negative, wie auf positive Umweltreize (high-SPS), stärker . Eine große Herausforderung für diese hochsensitiven Menschen ist es, mit Reizüberflutung umzugehen. Zusammenhänge zwischen SPS, Auslösern und Schwankungen der Reizüberflutung im Alltag wurden anhand einer Studie mit 139 gesunden Erwachsenen über einen Zeitraum von einer Woche untersucht.
Überstimulation in der Allgemeinbevölkerung
Überstimulation oder sensorische Überlastung bezieht sich auf übermässige oder atypische Reize, die die üblichen Schwellenwerte einer Person überschreiten. Sie kann sowohl durch objektive (z. B. Lärm durch große Menschenmengen), als auch durch subjektive Faktoren (z.B. die Erwartungen einer Person an eine aktuelle Situation) verursacht werden. Übersteigen Sinneseindrücke durch ihre Lautstärke, Intensität oder Vielfalt die Verarbeitungsfähigkeit einer Person, werden sie als belastend erlebt und können Überstimulation auslösen. Überstimulation kann durch Stimulation in einer oder mehreren Sinnesmodalitäten entstehen.
Hierbei unterscheidet man zwei verschiedene Sinnesmodalitäten:
i) hohe Sinne (Sehen/Hören)
ii) niedere Sinne (Riechen/Schmecken/Tasten)
Untersuchungen zeigen, dass vor allem intensive Reize der hohen Sinne (z. B. helles Licht) im Vergleich zu Reizen der niederen Sinne zur Überstimulation beitragen. Die Anfälligkeit einer Person für Überstimulation hängt zusätzlich von ihren psychobiologischen Ressourcen ab, die durch Genetik, Persönlichkeitsmerkmale (z. B. SPS) und den Umweltkontext geprägt sind. Persönliche Zustände wie Müdigkeit und negative Stimmung können die Anfälligkeit einer Person für Überreizung erhöhen, da sie die Unterdrückung irrelevanter Informationen behindern.
Überreizung in klinischen und nicht-klinischen Populationen
Überreizung wurde bisher vor allem in Bezug auf klinische Populationen untersucht, wie z. B. Autismus-Spektrum-Störungen (ASD), Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Patienten mit erworbenen Hirnverletzungen. Doch auch in nicht-klinischen Populationen, zu denen HSP gehört, kann eine Überstimulation vergleichbare Schweregrade erreichen. In beiden Populationen kann Überstimulation negative Auswirkungen auf das körperliche (z. B. Immunität), geistige (z. B. Depressionen und Angstzustände), kognitive (z.B. Entscheidungsfindung) und soziale (z. B. Isolation) Wohlbefinden haben. Trotz bekannter Auswirkungen ist die Überstimulation in nicht-klinischen Gruppen noch wenig erforscht. In den heutigen herausfordernden Umweltumgebungen, mit neuen Technologien, Zivilisation und unendlich vielen Reizmöglichkeiten, wird es immer wichtiger ihre Auslöser und die psychobiologischen Ressourcen zu verstehen. Denn nur so kann man lernen angemessen mit herausfordernden Umgebungen umgehen zu können.
Überreizungsstudien bei gesunden Erwachsenen mit SPS
Einige Studien haben sich im Vorfeld ebenfalls mit dem Zusammenhang von SPS und dem Einfluss positiver und negativer Reize auf eine Überstimulation befasst. Alle diese Studien fanden einen starken Zusammenhang zwischen hohen SPS-Werten und starken emotionalen und kognitiven Reaktionen auf positive und/oder negative Reize. Hierbei konnten, je nach Studie, Schwankungen des Gefühls der Überreizung, in Abhänigkeit der positiven (z.B. angenehme Düfte) und negativen Umwelteinflüssen (z.B. Hintergrundgeräusch Büro), vermerkt werden. In diesen Studien wurden jedoch positive und negative Ereignisse nur einmal rückblickend, einmal pro Tag oder einmal pro Woche gemessen und analysiert.
Bas S. et al., J. Clin. Med. 10 (2021) / Iimura S. et al., Br. J. Psychol. Lond. Engl. 2021/ Damatac C.G. et al., Curr. Res. Behav. Sci. 8, 2025/ Van Reyn C. et al., Soc. Psychol. Personal. Sci. 2023
Die vorliegende Studie
Überreizung ist eine häufig berichtete Herausforderung im Zusammenhang mit dem nicht-klinsichen Persönlichkeitsmerkmal SPS/HSP, was bisher empirisch noch nicht eingehend untersucht wurde. Zu diesem Zwecke untersuchte die vorliegende Studie Schwankungen von Überreizungen und deren Auslöser bei gesunden Erwachsenen mit unterschiedlichen Ausprägungen des Persönlichkeitsmerkmals SPS.
Das erste Ziel der Studie bestand darin, Tages- und Wochenschwankungen des Überreizungsgefühls bei Personen mit hohem SPS-Niveau (HSPs) im Vergleich zu Personen mit niedrigem oder durchschnittlichem SPS-Niveau (Nicht-HSPs) zu vergleichen. Die Forschergruppe erwartete stärkere Überstimulationsschwankungen in der HSP Gruppe, in Abhängigkeit von den Umgebungen, denen HSPs ausgesetzt waren.
Das zweite Ziel der Studie bestand darin, die täglichen externen und internen Auslöser einer Überstimulation in beiden Gruppen zu identifizieren. Aufgrund der Hauptmerkmale von SPS ging das Forscherteam davon aus, dass hochsensible Menschen im Vergleich zu nicht hochsensiblen Menschen leichter auf negativ wahrgenommene Reize, aber weniger auf positiv wahrgenommene Reize überstimuliert reagieren.
Methode
Zur Untersuchung der Überreizung bei Hochsensitiven Menschen wurde eine Experience Sampling Methodology (ESM) verwendet. ESM ist eine strukturierte Momentaufzeichnungsmethode, bei der Personen mehrmals täglich, während eines bestimmten Zeitraums, kurze Fragen zu ihrer aktuellen Umgebung (d. h. externe Auslöser) und ihrem momentanen persönlichen Befinden (d. h. interne Auslöser) beantworten. Dieser Ansatz minimiert die Anfälligkeit für Negativität und Erinnerungsverzerrungen (d. h. die Tendenz, sich eher an negative als an positive Ereignisse zu erinnern), die bei traditionellen Fragebögen und retrospektiven Studien häufig auftreten.
Ergebnisse
Kinetik der Überstimulation
Die Tagesdynamik der Überstimulation zeigt, dass Überstimulation im Tagesverlauf ansteigt, einen Höhepunkt zwischen 13 und 19 Uhr aufweist und bis zum Abend wieder absinkt. Die höchsten Werte der Überstimulation wurden am Nachmittag gemeldet, zeitgleich mit der zweiten Hälfte und dem Ende des Arbeitstages. Am Abend sinkte die Überstimulation wieder ab, wahrscheinlich, weil die Teilnehmer vor dem Schlafengehen zur Ruhe kamen oder auch Massnahmen in Angriff nehmen konnten, einer Überstimulation entgegenzuwirken (Fig. 1 / Nat Sci Rep, 2026 / https://doi.org/10.1038/s41598-025-31629-3).
Die Kurve der Überstimulation war bei hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Menschen vergleichbar, auch wenn Hochsensible insgesamt etwas mehr Überstimulation angaben. Der Wochentag spielte für den Verlauf der Überstimulation in beiden Gruppen keine Rolle.
Entgegen der Studien Hypothese zeigten HSPs also keine größeren Schwankungen bei der Überstimulation. Mögliche Erklärungen hierfür sind:
(1) Fünf tägliche ESM-Messungen erfassen möglicherweise keine subtilen Veränderungen.
(2) HSPs haben möglicherweise ihre Höchstwerte erreicht.
(3) HSPs haben Strategien entwickelt, um einer weiteren Überreizung entgegenzuwirken.
So zeigten die Ergebnisse der Studie auf, dass HSPs im Vergleich zu Nicht-HSPs mehr Zeit
in privaten als in öffentlichen Umgebungen verbrachten, was eine Strategie zur
Vermeidung von Reizen sein könnte.
Einfluss der Umgebung auf die Überstimulation bei HSP
Eine Analyse der Wechselwirkung einer SPS/HSP mit ihrer Umgebung zeigte, dass eine Überstimulation bei unangenehmen Sinneseindrücken, in Gesellschaft anderer Menschen, bei Müdigkeit und bei schlechter Stimmung höher war. Bemerkenswert ist, dass die Überstimulation an öffentlichen Orten nicht zunahm. Bei der Untersuchung der Unterschiede zwischen HSPs und Nicht-HSPs stellte das Forscherteam einen Crossover-Effekt bei HSPs fest. HSPs waren stärker überreizt bei unangenehmen Reizen, Müdigkeit und negativer Stimmung, fühlten sich aber weniger überstimuliert als nicht-HSPs, wenn Reize angenehm waren, sie ausgeruht und gut gelaunt waren. Diese Effekte zeigten sich auch leicht verzögert und blieben unabhängig von Alter und Geschlecht bestehen. Das Ausmaß der Überreizung bei Nicht-HSPs wurde weniger durch externe und interne Auslöser beeinflusst.
Diskussion
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass hochsensitive Menschen im Vergleich zu nicht-hochsensitiven Menschen eine stärkere Überstimulation durch negative Auslöser, aber auch eine größere Erleichterung durch momentane positive Faktoren erlebten.
Diese Ergebnisse stimmen mit früheren Studien überein, die darauf hindeuten, dass sensiblere Personen sowohl von negativen, als auch von positiven Erfahrungen stärker beeinflusst werden. Dies wird oft als „im Guten wie im Schlechten” Muster beschrieben. Die „zum Guten”-Effekte zeigten sich in Reaktionen auf angenehme Stimuli mit Wahrnehmung hoher Sinne, geringe Müdigkeit und positive Stimmung. Im Gegensatz dazu traten die „zum Schlechten”-Effekte insbesondere in Verbindung mit hoher Müdigkeit, unangenehmen Stimuli mit Wahrnehmung hoher Sinne und negativer Stimmung auf.
Das in der vorliegenden Studie beobachtete Muster, nämlich eine stärkere negative Reaktivität bei gleichzeitig erhöhtem Nutzen aus positiven momentanen Kontexten, steht im Einklang mit der aktuellen konzeptionellen Erweiterung des Modells der differentiellen Suszeptibilität, das Diathese-Stress-Prozesse („zum Schlechteren“) und Vantage-Sensitivity-Prozesse(„zum Besseren“) integriert. Somit liefern die Ergebnisse dieser Studie Belege aus dem täglichen Leben für diese doppelte Sensibilität innerhalb des SPS-Phänotyps.
Bewältigung der Überstimulation
Die Ergebnisse der aktuellen Studie bieten Ansatzmöglichkeiten zur Verringerung von Überreizungsgefühlen im Alltag. Die Sensibilisierung (z. B. durch Psychoedukation) für tägliche Schwankungen und Auslöser von Überreizung kann die Vorhersehbarkeit und Kontrolle der Reize verbessern, die Diskrepanz zwischen Umweltanforderungen und persönlichen Ressourcen verringern und somit eine Überreizung reduzieren.
Das Erkennen von Reizfaktoren und Mustern der Überreizung ermöglicht:
-> die Entwicklung von proaktiven Bewältigungsstrategien (Entspannungsaktivitäten, Rückzug, etc.).
-> die Entwicklung von Strategien zur Person-Umwelt-Anpassung
Mögliche Strategien zur Milderung einer Überreizung
Eine Kombination aus Vermeidungs-, Annäherungs- und akzeptanzbasierten Bewältigungsstrategien kann eine Überreizung mildern. Im folgenden werden einige dieser Bewältigungsstrategien aufgeführt:
i) Vermeidung einer Geräuschkulisse und Vermeidung negativer Stimmung.
-> Rückzug und/oder Verwendung von geräuschunterdrückender Kopfhörern.
-> Kurzfristig hilfreich, langfristig kann eine Reizüberflutung noch verstärkt werden.
ii) Abgestufte Exposition und schrittweise Erhöhung der sensorische Toleranz.
-> Durch das Hören von entspannender Musik anstelle von Stille oder kurze
soziale Interaktionen anstelle von vollständiger Isolation.
-> Förderung von Gewöhnung und Reduktion von Stress.
iii) Akzeptanz (Anpassung von Erwartungen und die Konzentration auf Funktionalität)
-> Therapien, wie Akzeptanz- und Commitment-Therapie, etc.
-> Achtsamkeitsbasierte Interventionen.
iv) Momentane angenehme visuelle und akustische Reize
-> Umgebungslicht, entspannende Musik.
v) Aktivitäten, die die positive Stimmung fördern.
-> Spaziergänge in der Natur oder schauen von virtuellen Naturvideos.
Gleichzeitig ist eine Erhöhung angenehmer Sinnesreize möglicherweise nicht in jedem Fall vorteilhaft. Wenn die allgemeine Sinnesbelastung hoch ist oder wenn mehrere konkurrierende Reize vorhanden sind (z. B. gleichzeitig auftretende angenehme und unangenehme Geräusche), kann die Einführung eines zusätzlichen Reizes die Überreizung nicht reduzieren oder sogar noch verstärken. Daher sollten Interventionen auf die gesamte sensorische Komplexität abzielen und der Reduzierung oder Regulierung multisensorischer Reize Vorrang einräumen, anstatt einfach nur einen angenehmen Reiz in eine bereits überlastete Umgebung einzufügen.
vi) Verbesserung der Schlafqualität.
-> die Studie zeigt eine erhöhte Müdigkeit bei HSPs, die zur Überreizung beitragen kann.
vii) Aufrechterhaltung der adaptiven Emotionsregulation.
-> Strategien Emotionen zu erkennen.
-> Neubewertung von Emotionen.
-> Gezielte Nutzung von Emotionen.
Einschränkungen der Studie
- Die Studie zeigte eine Stichprobe mit Frauenüberhang – besonders in der HSP-Gruppe – sowie einen höheren Altersdurchschnitt in der HSP- gegenüber der Nicht-HSP-Gruppe. Zukünftige Studien sollten vielfältigere Stichproben einbeziehen, um SPS-Effekte von möglichen geschlechts- und altersbedingten Einflüssen zu trennen.
- Zweitens stellt die alleinige Verwendung eines Selbstauskunftsfragebogens zur Quantifizierung von SPS, obwohl dies in der Persönlichkeitsforschung Standard ist, eine Einschränkung dar.
- Drittens konzentrierte sich die Analyse auf momentane, unidirektionale Zusammenhänge, sodass keine Aussagen über die Richtung der Effekte möglich sind. Beispielsweise könnte ein höheres Maß an Überstimulation im Zeitverlauf auch Ermüdung, Stimmung oder Sinneswahrnehmungen beeinflussen. Zukünftige Studien sollten daher bidirektionale Beziehungen zwischen Überstimulation und ihren Prädiktoren untersuchen.
- Viertens wurden Sinnesreize zwar als hoch oder niedrig kategorisiert, jedoch nicht nach spezifischen Reizen (z. B. künstliches Licht vs. Sonnenlicht) unterschieden. Zudem wurden weder multisensorische Kombinationen noch die kumulative sensorische Belastung untersucht. Daher bleibt unklar, wie angenehme Reize in komplexen sensorischen Umgebungen mit Überstimulation interagieren. Zukünftige Studien sollten multisensorische Kombinationen, die gesamte sensorische Belastung sowie die wahrgenommene Kontrolle über die Umgebung differenzierter erfassen.
- Schließlich berücksichtigte die Studie keine breiteren Lebenskontextfaktoren wie berufliche Anforderungen, Pflegeverantwortung oder aktuelle Lebensereignisse. Frühere Forschungsergebnisse zeigten jedoch, dass bestimmte Kontexte (COVID-19, Gesundheitsberufe etc.) die Anfälligkeit für Überreizung erhöhen können. Zukünftige Studien sollten solche Faktoren einbeziehen, um ihr Zusammenspiel mit individueller Sensibilität besser zu verstehen.
Zusammenfassung
Diese Studie untersuchte erstmals tägliche Schwankungen der Überstimulation und zugehörige Faktoren Menschen mit unterschiedlichen SPS-Werten. Überstimulation erreichte ihren Höhepunkt am Nachmittag bis frühen Abend, variierte jedoch nicht über die Woche. Sie war höher bei Anwesenheit anderer Personen, unangenehmen sensorischen Reizen, Müdigkeit und negativer Stimmung. HSPs reagierten stärker auf negative interne und externe Auslöser, profitierten jedoch auch stärker von positiven auditiven und visuellen Reizen, geringer Müdigkeit und positiver Stimmung im Vergleich zu Nicht-HSPs. Das Verständnis dieser Muster kann helfen, Bewältigungsstrategien gegen Überreizung zu entwickeln, wovon HSPs besonders profitieren könnten.
Ausblick
Zukünftige Forschungen sollten multisensorische Kombinationen, totale sensorische Überlastung, wahrgenommene Kontrolle, Bewältigungsstrategien für den Umgang mit Überreizung und bidirektionale Beziehungen zwischen Überreizung und ihren Auslösern aufgreifen und analysieren.
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