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Wenn Hochsensibilität auf High Sensation Seeking trifft

23. September 2026

Viele hochsensible Menschen (Highly Sensitive Persons, HSP) kennen das Gefühl, schnell überreizt zu sein: Ihr Nervensystem nimmt Reize intensiver auf und verarbeitet sie tiefer als bei den meisten anderen Menschen. Kurz gesagt: mehr Empfindung, mehr Tiefe – das ist Hochsensibilität in aller Kürze.

Weniger bekannt ist die andere Seite: Viele hochsensible Menschen suchen gleichzeitig aktiv nach neuen Erfahrungen, Abwechslung und Nervenkitzel. Dieses Persönlichkeitsmerkmal wird High Sensation Seeking (HSS) genannt – und genau darum geht es in diesem Artikel.

Wer Hochsensibilität und High Sensation Seeking in sich vereint, jongliert täglich mit zwei Bedürfnissen, die auf den ersten Blick unvereinbar wirken. In meiner therapeutischen Praxis begegne ich diesem Muster immer wieder – bei Kindern ebenso wie bei Erwachsenen.

Was ist High Sensation Seeking?
Sensation Seeking ist kein neuer Trend, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das bereits seit den 1960er-Jahren erforscht wird. Geprägt wurde der Begriff vom amerikanischen Psychologen Marvin Zuckerman. Er beschreibt damit das Bedürfnis nach abwechslungsreichen, intensiven und neuen Erfahrungen – teilweise auch verbunden mit der Bereitschaft, dafür körperliche, soziale oder finanzielle Risiken einzugehen (Zuckerman, 1979).

Menschen mit stark ausgeprägtem Sensation Seeking scheinen ein höheres Bedürfnis nach Stimulation zu haben. Sie suchen deshalb aktiv nach neuen Eindrücken, Herausforderungen und Erfahrungen, um sich lebendig und erfüllt zu fühlen.

Ein scheinbarer Widerspruch – und wo der Unterschied wirklich liegt

Auf den ersten Blick wirken Hochsensibilität und Sensation Seeking wie Gegensätze: Die eine Eigenschaft sucht eher Schutz vor zu vielen Reizen, die andere Reizfülle und Abwechslung.

Genau deshalb überrascht ein Befund aus der Hochsensibilitätsforschung: Laut Elaine Aron sind etwa 50 Prozent der hochsensiblen Menschen gleichzeitig High Sensation Seeker. Beide Merkmale sind weitgehend unabhängig voneinander. Man kann also das eine haben, das andere, beides oder keines von beiden.

Der Unterschied zwischen einer rein hochsensiblen Person und einer hochsensiblen Person mit einem ausgeprägten HSS-Anteil zeigt sich vor allem im Bedürfnis nach Aktivität.

Wer „nur“ hochsensibel ist, erholt sich häufig am besten durch Ruhe, Rückzug und eine reizärmere Umgebung. Wer zusätzlich ein High Sensation Seeker ist, erholt sich davon nur bedingt. Auch Abwechslung, Dynamik und neue Eindrücke können Energie und Lebensfreude schenken.

Wer beides in sich trägt, kennt im Grunde zwei Stimmen im selben Nervensystem: Eine Stimme warnt vor zu vielen Reizen und Überforderung, während die andere sich nach Neuem, Abenteuer und intensiven Erfahrungen sehnt.
Aus meiner Sicht ist das kein Widerspruch. Es ist eine anspruchsvolle, aber durchaus gut lebbare Kombination – vorausgesetzt, man lernt, die eigenen Bedürfnisse zu verstehen.

Vier Eigenschaften, die dazukommen
Bist du zusätzlich ein High Sensation Seeker, zeigen sich neben der Hochsensibilität häufig vier weitere Eigenschaften, die sich mit dem decken, was Marvin Zuckerman als Sensation Seeking beschrieben hat (Zuckerman, 1979).

Risikobereitschaft
Anders, als der Begriff zunächst vermuten lässt, handelt es sich nicht zwingend um unüberlegtes oder blindes Risikoverhalten. Viele High Sensation Seeker bereiten sich gut vor, bevor sie etwas wagen.

Der Nervenkitzel liegt weniger im unkontrollierten Risiko als im intensiven Erleben und im Reiz des Unbekannten.

Neuheits- und Abwechslungssuche
Neugier und Begeisterung treiben dieses Bedürfnis an: neue Menschen kennenlernen, neue Orte entdecken und eine andere Umgebung erleben.

Das muss nicht immer etwas Grosses sein. Manchmal reicht bereits ein anderer Spazierweg, ein unbekannter Ort oder ein Supermarkt in einer fremden Stadt.

Der Vorteil: Menschen mit diesem Bedürfnis entwickeln sich häufig zu echten Generalisten und Multitalenten. Sie interessieren sich für viele verschiedene Themen und sammeln im Laufe ihres Lebens ein breites Wissen und vielfältige Erfahrungen.
Der Nachteil: Fehlt dauerhaft Neues, kann sich schnell Unterforderung einstellen – manchmal fast wie eine Art mentale Unterernährung.

Neigung zur Langeweile
Zu viel Routine und Wiederholung können High Sensation Seeker müde, lustlos oder gereizt machen.

Gleichzeitig hat diese Eigenschaft auch eine positive Seite: Sie treibt uns beinahe automatisch dazu, neue Aktivitäten zu suchen, Neues zu lernen und für genügend Abwechslung im Leben zu sorgen.

Enthemmung
Diese Eigenschaft beschreibt das bewusste Durchbrechen des Alltagstrotts. Feiern, gesellige Anlässe und die schönen Seiten des Lebens bewusst geniessen – auch das kann dazugehören.

Ein hochsensibler High Sensation Seeker ist also hochsensibel und bringt diese zusätzlichen Bedürfnisse mit. Das sind oft enorm enthusiastische Menschen, die nach einer Fülle neuer Erfahrungen suchen, gleichzeitig aber auch schnell in die Überreizung geraten können.

Dann wollen sie plötzlich von alldem nichts mehr wissen und müssen sich zunächst wieder erholen.

Genau das macht die Balance zwischen Überreizung, Unterforderung und dem guten Flow dazwischen zu einer echten Herausforderung.

Eine unterschätzte Stärke
Beim High Sensation Seeking geht oft unter, dass diese Kombination auch grosse Stärken mit sich bringen kann.

Menschen mit dieser Veranlagung nehmen viele Informationen auf, verarbeiten sie tief und erkennen häufig Zusammenhänge, die anderen entgehen. Sie sind oft Generalisten, verfügen über breites Wissen und haben im Laufe ihres Lebens zahlreiche Interessen, Erfahrungen und Weiterbildungen gesammelt.

In der Arbeit und in Teams können sie deshalb sehr wertvolle Menschen sein. Sie erkennen häufig schnell Verbindungen und haben ungewöhnliche oder kreative Lösungsansätze parat.

Gleichzeitig kann der klassische Arbeitsmarkt für sie herausfordernd sein. Starre Stellenprofile, monotone Abläufe oder wenig Abwechslung passen oft nicht zu ihrem Bedürfnis nach Entwicklung und Vielfalt.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum viele Menschen mit ausgeprägtem High Sensation Seeking den Weg in die Selbstständigkeit oder ins Unternehmertum wählen. Dort können sie ihre Arbeit oft vielfältiger gestalten und neue Ideen eigenständig umsetzen.

Diese Tiefe hat allerdings eine wichtige Bedingung: Sie braucht auch echten Leerlauf zur Verarbeitung. Nicht ständige Ablenkung, sondern tatsächliches Nichtstun.

Phasen des Nichtstuns und gedanklichen Wanderns werden mit dem sogenannten Default Mode Network in Verbindung gebracht, das unter anderem für Selbstreflexion und kreative Prozesse relevant ist (Beaty et al., 2014).

Wer selbst so tickt oder mit hochsensiblen High Sensation Seekern zusammenarbeitet, tut deshalb gut daran, Leerlauf nicht automatisch als verschwendete Zeit zu betrachten. Gerade in solchen Phasen können neue Ideen entstehen und Erfahrungen verarbeitet werden.

Was wirklich hilft

Aus meiner therapeutischen Arbeit – und aus eigener Erfahrung – helfen mir vier Dinge besonders:

  1. Bedürfnisse ernst nehmen
    Überreizung und Unterforderung sind keine Gegensätze, die gegeneinander ausgespielt werden müssen. Beide verdienen gleichermassen Aufmerksamkeit.
  2. Nicht nur die Menge der Reize betrachten, sondern auch ihre Qualität
    Ein Termin mit Menschen, die einem guttun, wirkt völlig anders als ein Termin mit Menschen, die einen anstrengen – selbst wenn die „Reizmenge“ auf den ersten Blick gleich ist.
  3. Abstand zwischen Impuls und Handlung schaffen
    Eine spontane Idee darf zunächst aufgeschrieben und dann liegen gelassen werden. Nach ein oder zwei Tagen kann man sie noch einmal anschauen.
    Nicht jeder Reizhunger muss sofort bedient werden.
  4. Stimulation bewusst dosieren
    Kleine, planbare Highlights im Alltag und grössere Erlebnisse im Jahresverlauf können dem Bedürfnis nach Abwechslung einen sicheren Rahmen geben.
    So wird Stimulation nicht zufällig, sondern bewusst gestaltet.

Ein abschliessender Gedanke

Hochsensibilität und High Sensation Seeking müssen kein Widerspruch sein. Gerade hochsensible Multitalente brauchen neben Rückzug und Ruhe auch Abwechslung, neue Erfahrungen und echte Herausforderungen, um sich wohlzufühlen. Die Kunst besteht darin, die eigene Balance zwischen Überreizung und Unterforderung zu finden und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Für alle, die sich in dieser Beschreibung wiedererkennen, kann „Her mit den Reizen“ von Saskia Klaaysen &Jacqueline Knopp eine echte Offenbarung sein. Es ist eines der wenigen Bücher, das genau auf den Punkt bringt, was hochsensible High Sensation Seeker und Multitalente brauchen, um ihre besondere Art zu leben, ihre Stärken zu entfalten und wirklich glücklich zu sein.

Quellen

  • Aron, E. N. (2023). Highly Sensitive and High Sensation Seeking Individuals. Psychology Today.
  • Beaty, R. E., Benedek, M., Wilkins, R. W., Jauk, E., Fink, A., Silvia, P. J., & Neubauer, A. C. (2014). Creativity and the default network: A functional connectivity analysis of the creative brain at rest. Neuropsychologia, 64, 92–98.
  • Klaaysen, S. (2019). Prikkels bijten niet! Wegwijs in onder- en overprikkeling voor hoogsensitieve personen die floreren bij dynamiek en variatie. Uitgeverij HSP Training.
  • Knopp, J., & Klaaysen, S. (2023). Her mit den Reizen! Warum hochsensible Multitalente Reize in ihrem Leben brauchen, um glücklich zu sein. BoD – Books on Demand.
  • Zuckerman, M. (1979). Sensation Seeking: Beyond the Optimal Level of Arousal. Lawrence Erlbaum Associates.

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